Die Notation der mittelalterlichen Choralhandschriften in Salzburg

 

Provenienz "Salzburg" ?

Bei dem Versuch, mittelalterliche Salzburger Codices zu erfassen und zu untersuchen, stößt man schon im Vorfeld auf grundsätzliche Schwierigkeiten, die in einer gewissen Schwebe der Terminologie historisch-geographischer als auch musikwissenschaftlich-methodischer Art begründet sind. Schon die Bezeichnung Salzburger Provenienz in einer Handschriftenbeschreibung ist unklar, wenn nicht sogar irreführend, denn der Begriff "Salzburg" kann verschiedene Bedeutungen haben:

Salzburg ist zunächst eine Stadt, heute die Hauptstadt eines österreichischen Bundeslandes gleichen Namens, das wiederum, wenn auch im verkleinerten Umfang, nach den napoleonischen Kriegen aus dem alten Erzstift hervorging. Die Grenzen dieses Territoriums deckten sich allerdings nicht mit der ebenfalls unter dem Begriff "Salzburg" bezeichneten größeren Diözese, die heute noch bis zum Zillertal in Tirol reicht. Der Erzbischof von Salzburg war vom Mittelalter bis zur Säkularisation des Erzstiftes im Jahre 1803 zugleich weltlicher Landesherr und geistlicher Kirchenfürst. Diese Erzdiözese Salzburg hatte sogenannte Suffraganbistümer unter sich; das sind Bistümer, die nicht vom Papst, sondern vom Erzbischof selbst mit Bischöfen besetzt wurden. Es sind dies die Bistümer Chiemsee, Gurk, Seckau und Lavant. Außerdem unterstanden der Erzdiözese, zumindest nominell, auch die Bistümer Passau, Freising, Regensburg und Brixen und bildeten die Kirchenprovinz Salzburg.

Für den Versuch, den Begriff "salzburgisch" näher zu fassen, eignet sich die Kirchenprovinz aufgrund ihrer unterschiedlichen Entwicklung in Politik, Kunst und Wissenschaft am wenigsten. Da wir es bei unserer Betrachtung zu allererst mit liturgischen Büchern zu tun haben, bietet einen besseren Anhaltspunkt vielleicht die Verbreitung der diözesanen Liturgie. Am Ende des 12. Jh.s kam es im Zug des Neubaues der Kathedralkirche - sie war einem Stadtbrand zum Opfer gefallen - zu einer grundlegenden liturgischen Reform. Das Ergebnis ist uns in einem bedeutenden Liber ordinarius überliefert, dem Codex M II 6 der Universitätsbibliothek in Salzburg. Bekannt ist der Codex durch eine der ältesten Erwähnungen des Liedes Christ ist erstanden. Die darin beschriebene Liturgie war für die gesamte Diözese bis zum Ende des 16. Jh.s verbindlich.

Liturgische Handschriften können aber nicht nur weltkirchlicher sondern auch monastischer Provenienz sein. Der hl. Rupert errichtete am Ende des 7. Jahrhunderts auf dem Boden des antiken Iuvavum das Kloster St. Peter und gründete das Kloster Nonnberg, dessen erste Äbtissin seine Nichte Erentrudis war. Sein Nachfolger, der aus Irland stammende hl. Virgil (745-784), weihte 774 die von ihm erbaute Kathedralkirche. Die Salzburger Erzbischöfe waren fast 200 Jahre lang zugleich Äbte von St. Peter. Unter dem Einfluß der Reformbewegungen von Cluny und Gorze trennte Erzbischof Friedrich I. (958-991) im Jahre 987 die Gemeinschaft der Mönche von St. Peter von derjenigen der Kanoniker der Domkirche und gab den Mönchen mit dem aus St. Emmeram stammenden Tito (987-1025) einen eigenen Abt. St. Peter wurde zu einem geistlichen Zentrum Salzburgs, mit dessen Mönchen das 1074 von Erzbischof Gebhard (1060-1088) gegründete Kloster Admont besiedelt werden konnte und das dort auch die ersten Äbte stellte. Im 12. Jahrhundert entstand ein eigener Frauenkonvent, die sogenannten "Petersfrauen". Diese Nonnen lebten an der Stelle, wo sich heute das Franziskanerkloster befindet. Dieser Konvent wurde 1582 aufgelöst. Vier eigene Skriptorien können wir in der Stadt Salzburg seit dem 12. Jahrhundert nachweisen, nämlich am Dom, an St. Peter, auf dem Nonnberg und bei den Petersfrauen. Daß nun diese Klöster ebenso wie solche aus dem näheren Umland wie Michaelbeuern (einem Benediktinerkloster wenige Kilometer nördlich von Salzburg) als zu Salzburg gehörig empfunden werden, versteht sich von selbst. Mit Recht werden aber auch steirische und Kärntner Codices als "Salzburger" Quellen angesehen, weil sie die diözesane Liturgie aufweisen.

Auf der anderen Seite hatte Salzburg nicht unerheblichen Einfluß über seine Jurisdiktionsgrenzen hinaus. Im Zentrum einer von Erzbischof Konrad I. zu Beginn des 12. Jahrhunderts durchgeführten Reform des Erzstiftes stand die Errichtung von Orden von Regularkanonikern, die nach der Regel des hl. Augustinus lebten. 1122 wurde auch das Salzburger Domkapitel in ein Augustiner-Chorherrenstift umgewandelt. In einem Reformverband wurden 11 Chorherrenstifte der Erzdiözese, sowie Reichersberg, Weyern, Suben, Berchtesgaden und Baumburg zusammen mit einem Kreis von Stiften mit Salzburger Observanz in der Kirchenprovinz Salzburg, der Diözese Augsburg und dem Patriarchat Aquileia verbunden und in die Hierarchie eingegliedert. Das oberste Organ dieses Verbandes stellte die Prälatenversammlung dar, die unter dem Vorsitz des Salzburger Erzbischofs in Salzburg tagte. Die Neugründung des Stiftes Klosterneuburg durch den hl. Leopold im Jahre 1136 geschah in Anwesenheit von Erzbischof Konrads I. von Salzburg. Auch diese Tatsache verdeutlicht, daß der Begriff "Salzburg" verschieden interpretiert werden kann und darf.

 

Quellenlage

In vielen Sammlungen und Bibliotheken Österreichs findet man auch heute noch zahlreiche liturgische Handschriften aus dem Mittelalter. Aufgrund der besonderen historischen Entwicklung befinden sie sich oft an völlig verschiedenen Orten.

Zur Geschichte und Entwicklung der Österreichischen Bibliotheken siehe: Franz Unterkircher: Die ältesten Bibliotheken Österreichs. In: Die Bibliotheken Österreichs in Vergangenheit und Gegenwart (= Elemente des Buch- und Bibliothekswesens Bd. 7). Wiesbaden 1980.

In der Neuzeit war es vor allem die josephinische Klosteraufhebung ab 1782, durch die zahlreiche Bibliotheken aufgelöst und aufgeteilt wurden. In Salzburg ist die Situation besonders kompliziert: Im Jahre 1800 besetzten die Franzosen die Stadt. 1803 wurde das Fürsterzbistum säkularisiert und kam als Kurfürstentum an Erzherzog Ferdinand von Toskana. 1805 besetzten die Franzosen neuerlich die Stadt. 1806 kam Salzburg zu Österreich. 1809 ließ Napoleon das Land neuerlich besetzen. 1810 wurde Salzburg bayrische Provinz. 1816 kam das Land stark verkleinert und diesmal endgültig zu Österreich. Jeder Wechsel der Verwaltung war selbstverständlich mit einer Verlagerung vieler Kulturgüter verbunden. Infolgedessen befindet sich die Masse der Salzburger Handschriften heute teils an ihrem ursprünglichen Standort in St. Peter, auf dem Nonnberg und in Michaelbeuern, teils in der Universitätsbibliothek in Salzburg, in der Bayerischen Staatsbibliothek und in der Österreichischen Nationalbibliothek. Dazu kam in der Zeit zwischen den Weltkriegen und teilweise nach dem zweiten Weltkrieg die schlechte wirtschaftliche Situation, die einige österreichische Klöster, darunter eben auch St. Peter zum Verkauf von wertvollen Handschriften zwangen. Beispielsweise kamen auf diese Weise einige Codices in die Pierpont Morgan Library in New York.

 

Salzburger Quellen mit adiastematischen Neumen

In Salzburg setzt die Überlieferung von Handschriften mit musikalischer Notation am Ende des 11. Jahrhunderts ein. Wie auch im übrigen Österreich benützte man hier zunächst adiastematische Deutsche Neumen. Üblicherweise geht man davon aus, daß uns linienlose Neumen zwar rhythmische Einzelheiten, aber keinen exakten Melodieverlauf vermitteln, während umgekehrt Choralnotation auf Linien die genaue Melodie, aber keine rhythmischen Angaben enthalten. Nicht allgemein bekannt dürfte hingegen sein, daß beide Notationsformen gelegentlich viel mehr Informationen enthalten, als es auf den ersten Blick scheint. Dies kann in Salzburg anhand der überlieferten Quellen besonders gut beobachtet werden.

Das 12. Jahrhundert ist eine Zeit der Reformen. Neben der Neuorganisation des Erzstiftes durch Erzbischof Konrad gelangte nicht nur das Kloster am Nonnberg durch die Schwester Konrads Diemuod (+ 1136) zu neuer Blüte. Auch bei den Benediktinern in St. Peter sollte unter Abt Balderich I. eine Neuorganisation des monastischen Lebens erfolgen. Die Neuordnung geschah sicherlich unter dem Eindruck der großen Ordensreformbewegung, die damals vom Kloster Hirsau, einem von Cluny beeinflußten Reformkloster, ausging. In welcher Form dies im einzelnen geschah, läßt sich noch nicht genau belegen. Einige Indizien scheinen dafür zu sprechen, daß St. Peter dem Hirsauer Reformverband tatsächlich beigetreten ist.

Im Skriptorium von St. Peter wurden im 12. Jahrhundert Deutsche Neumen verwendet, deren Grundzeichen fallweise mit Zusätzen versehen werden, nämlich mit einer s-förmigen Oriscusgraphie oder mit einem kleinen waagrechten Strich, einem Episem. Diese Zusatzzeichen zeigen Halb- und Ganztonschritte an. Zeichen der gleichen Gestalt wurden in früheren Zeiten in St. Gallen und Einsiedeln zur Präzisierung von rhythmischen Gegebenheiten verwendet. Ungefähr an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert erhalten sie in bestimmten Skriptorien eine neue Bedeutung. Die drei wichtigsten Zeugen dieser Neumenschrift aus Salzburg sind:

1. das berühmte Antiphonar von St. Peter, Cod. ÖNB Ser. Nov. 2700 aus der Zeit um 1160. Sie wurde 1974 als Faksimile herausgegeben und so einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht.
Unterkircher F., Demus, O., Das Antiphonar von St. Peter. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex Vindobonensis Series nova 2700 der Österreichischen Nationalbibliothek mit Kommentarband (Unterkircher F., Kodikologische und liturgiegeschichtliche Einleitung. Demus O., Kunstgeschichtliche Analyse, mit 93 Abbildungen), Graz 1974.
Stefan Engels, Das Antiphonar von St. Peter in Salzburg. Codex ÖNB Ser. Nov. 2700 (12. Jahrhundert) (= Beiträge zur Geschichte der Kirchenmusik Bd. 2), Paderborn 1994.

2. das Graduale-Sequentiar aus dem Besitz der Petersfrauen, Stiftsbibliothek St. Peter a IX 11 vom Ende des 12. Jahrhunderts. Dieses sogenannte Petersfrauengraduale stammt aus dem Skriptorium dieser Nonnen und war auch für deren Konvent bestimmt.

3. ein Graduale-Sequentiar-Sakramentar vom Nonnberg. Es stammt aus dem 1. Drittel des 12. Jh.s und liegt heute unter Signatur clm 11004 in der Bayerischen Staatsbibliothek. Die Handschrift entstand unter Äbtissin Diemuod im Skriptorium am Nonnberg und wurde spätestens ab dem 13. Jahrhundert im Salzburger Dom benützt.

Die Graphien von Neumen mit melodischer Zusatzbedeutung folgen immer einem bestimmten Grundschema. Anzahl, Bedeutung und Modus der Anwendung können in den einzelnen Handschriften jedoch variieren. Die Zeichen werden nur an bestimmten Stellen gebraucht, d.h. sie können, müssen aber nicht verwendet werden.

Ein Episem über Clivis und Torculus zeigt an, daß sich unter dem höheren Ton ein Halbtonschritt befindet. Dieser Ton entspricht also einem c, f oder b-rotundum. Das episemierte Punctum im Climacus, das graphisch einem Tractulus oder einem durchstrichenen Punctum gleicht, steht in der Regel für die Töne e, h und a unter dem b-rotundum. Zeichen mit Oriscuselementen (Oriscus-Torculus, Oriscus-Pes, Pes quassus, Virga strata) zeigen ebenfalls Halbtonschritte an. Auch die Graphie des Salicus kann je nach Handschrift die traditionelle rhythmische oder seltener eine melodische Bedeutung haben. Daneben kann auch Neumenkombinationen eine melodische Bedeutung zukommen. So bedeutet die Kombination Virga-Clivis stets, daß die ersten beiden Töne auf gleicher Tonhöhe stehen. (Das Zeichen ist mit dem Trigon und dem dreitönigen Pressus verwandt).

Obwohl sich sowohl das Antiphonar von St. Peter, das Graduale vom Nonnberg und das Petersfrauengraduale der Neumenzeichen mit melodischer Zusatzbedeutung bedienen, sind die Graphien trotz der örtlichen Nähe der Skriptorien, in denen die Bücher entstanden sind, völlig individuell verwendet und haben auch unterschiedliche Gestalt. Am konsequentesten und sorgfältigsten werden die Zeichen im Antiphonar von St. Peter eingesetzt. Die eher seltenen Episemata über Clivis und Torculus im Nonnberger Graduale kommen im Petersfrauengraduale in großer Zahl vor. Dieser Codex vermeidet dafür jedoch Graphien mit Oriscus. Auch die Anwendung kann von Handschrift zu Handschrift variieren. Im Antiphonar von St. Peter bedeutet ein Punctum als drittes Element eines viertönigen Climacus abweichend von den übrigen Handschriften einen Ton, der über und unter sich einen Ganztonschritt und nicht einen Halbtonschritt hat, wie d, g oder a. Im Graduale vom Nonnberg hingegen ist der Tractulus bei einem viertönigen Climacus lediglich als Ornament zu verstehen, ohne rhythmische oder melodische Bedeutung.

Auch in anderen Skriptorien sind Neumen mit melodischer Zusatzbedeutung gebraucht worden, so z.B. im Benediktinerkloster St. Peter in Erfurt. Gemeinsam scheint den Handschriften die Herkunft aus Klöstern zu sein, die der Hirsauer Reformbewegung nahestanden, bzw. ihr angehörten.

 

Salzburger Quellen mit Notationen auf Linien

Irgendwann im 13. Jahrhundert muß die völlige Neuorientierung in der Notation, nämlich der Übergang auf die Notation auf Linien erfolgt sein. Im österreichischen Raum verwendete man ab diesem Zeitpunkt üblicherweise die Gotische Choralnotation. Die Quadratnotation wurde aus dem romanischen Kulturkreis durch die zentralistisch organisierten neuen Orden eingeführt, so von den Dominikanern, Franziskanern, Augustiner-Eremiten und den Prämonstratensern, dann auch von den Kartäusermönchen. Benediktinerklöster übernahmen diese Schrift für gewöhnlich nicht. Eine Ausnahme bildet etwa Kremsmünster. Auch einige Salzburger Codices des 14. Jahrhunderts enthalten Quadratnotation. Doch müssen hier die näheren Umstände erst aufgeklärt werden.

Einen besonderen Aspekt für Salzburg erhält der Gebrauch der Quadratnotation im 15. Jahrhundert. Diese Zeit ist geprägt durch die Einführung der Melker Reform in den Benediktinerklöstern. Im Verlauf dieser Reform übernahmen einige der Klöster die Quadratnotation wohl nach dem Vorbild von Subiaco. Darunter befand sich auch St. Peter, wo die Melker Reform im Jahre 1431 eingeführt wurde. Die Petersfrauen oder das Kloster Michaelbeuern übernahmen sie jedoch nicht. Dort war weiterhin die Gotische Notation in Gebrauch. Häufig jedoch finden wir auch beide Notationen zusammen in ein und demselben Codex, was auf ein enges Zusammenwirken verschiedener Skriptorien hinweist.

Die bedeutendste und für uns wichtigste Handschrift dieser Zeit ist ein Sammelcodex, der heute unter der Signatur Man. cart. 1 in der Stiftsbibliothek von Michaelbeuern liegt. Untersuchungen von Beatrix Koll ergaben, daß ein Schreiber von St. Peter diesen Codex erst um das Jahr 1500 geschrieben hat. In der Literatur wurde die Handschrift bisher zu früh datiert. Man beschrieb sie bisher vor allem unter dem Gesichtspunkt der in ihr enthaltenen deutschen Lieder und der liturgischen Gesänge der Melker Reform.

Unter anderen Joachim F. Angerer, Lateinische und deutsche Gesänge aus der Zeit der Melker Reform, Wien 1979. Walther Lipphardt, Mensurale Hymnenaufzeichnungen in einem Hymnar des 15. Jh.s aus St. Peter, Salzburg. In: Ut mens concordet voci. Festschrift E. Cardine zum 75. Geburtstag, St. Ottilien 1980, 458-487. Ders., Deutsche Antiphonenlieder des Spätmittelalters in einer Salzburger Handschrift. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 27, Kassel 1983, 39-82.

Sie enthält aber wahrscheinlich das gesamte Repertoire geistlicher Gesänge Salzburgs außerhalb des liturgischen Bestandes von Graduale und Antiphonale um 1500. Unbekannte Marienlieder sind ebenso vertreten, wie Prozessionsgesänge und verschiedene Singweisen der Passionen für die Liturgie der Kartage.

In dieser Handschrift ist der Wechsel in der Notation besonders interessant: Die traditionellen Teile aus Salzburg sind in Gotischer Choralnotation abgefaßt. Singweisen und Fassungen, die im Verlauf der Melker Reform übernommen wurden, stehen jedoch konsequent in Quadratnotation. Ein aufschlußreiches Beispiel ist die Aufzeichnung der marianischen Antiphon Regina caeli laetare. Der Schreiber trug die Antiphon zweimal ein: einmal in Quadratnotation mit der liturgischen Melodie gemäß der Melker Reform, und darunter ein zweites Mal in der melodischen Version, die in Salzburg gesungen wurde, diesmal mit dem Tropus Alle- Domine, nate matris über dem abschließenden Alleluja und in gotischer Notation.

Auch auf eine andere Notationsweise soll noch eingegangen werden: Auf sie, die ebenfalls im Gefolge der Melker Reform eingeführt worden sein dürfte, hat schon Bruno Stäblein aufmerksam gemacht (Schriftbild der einstimmigen Musik S. 70), nämlich eine mensurierte Notation der Hymnen. Diese "semimensurale" Notation besteht aus einer Abfolge von Rhomben und Quadraten, die auf einfache Art eine Abfolge von langen und kurzen Tönen kenntlich machen, wobei die Quadrate die Töne mit doppelte Zeitdauer zu denjenigen der Rhomben angeben. Diese Art der Rhythmisierung kommt sowohl in Handschriften mit Quadratnotation vor, zum Beispiel in einem Chorpsalterium von 1498, als auch in solchen mit Gotischer Choralnotation, etwa in der Mondsee-Wiener Liederhandschrift, ÖNB 2856. (Die Handschrift ist wegen der zahlreichen deutschen Lieder des Mönchs von Salzburg bekannt.)

Kurz erwähnen wollen wir die Notation mehrstimmiger Musik, die uns nur in einigen Bruchstücken überliefert worden ist. Aus dem dürftigen überlieferten Quellenmaterial lassen sich im mittelalterlichen Salzburg immerhin drei unterschiedliche Arten polyphonen Musizierens herausschälen:

- a) die einfache organale Ausschmückung von Melodien nach Art einer Gesangsimprovisation. Sie wird in Choralnotation notiert.

- b) eine volkstümliche Musizierpraxis mit einfachen mehrstimmigen Zusatzstimmen. Man kann sie mit dem Wort "bodenständig" beschreiben. Sie wird in semimensuraler Notation aufgeschrieben.

- c) die von außwärts importierte und in Mensuralnotation notierte artifizielle Mehrstimmigkeit.

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